Kunstgeschichte.


Kunstgeschichte.
Kunstgeschichte.
 
Die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin ist Produkt des historischen Bewusstseins, das sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte. Die Bestimmung ihres Inhalts und ihrer Aufgaben, speziell die Abgrenzung von Kunstwissenschaft und Ästhetik, ist seitdem in unterschiedlicher Weise versucht worden und hat zur Etablierung einiger wissenschaftlichen Ansätze geführt, die das Bild der Kunstgeschichte in der Gegenwart bestimmen. Neben einer starken Tendenz zu empirischer Sachbehandlung gibt es weiterhin Beiträge zu Prinzipien- und Methodenfragen. Vorläufer der Kunstgeschichte sind Künstlerbiographien, Kunstkritik, Künstlertraktate u. a. mehr, die seit der Antike (Plinius der Ältere, Polyklet, Xenokrates, Vitruv u. a.), während des Mittelalters, besonders aber in der Renaissance (L. Ghiberti, L. B. Alberti, Piero della Francesca, Leonardo da Vinci, G. Vasari) ein reiches Erscheinungsspektrum hatten. Vasari gilt mit seinen Lebensbeschreibungen berühmter Maler, Bildhauer und Architekten (1550 und 1568) als »Vater der Kunstgeschichte«, er lieferte das wichtigste Quellenwerk der italienischen Kunst. Nach seinem Vorbild schrieben für die Niederlande C. van Mander »Het schilder-boeck. ..« (1604) und für Deutschland J. von Sandrart die »L'Academia Tedesca. .. Oder Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste« (1675-79, 2 Bände). Seit J. J. Winckelmanns »Geschichte der Kunst des Altertums« (1764) kann von einer Kunstgeschichte im modernen Sinn gesprochen werden, da er erstmals die Darstellung eines geschichtlichen Zusammenhangs der Kunst gab, ihres Ursprungs, ihres Wachstums, ihrer Stile und Perioden. Auf dem Weg zur historischen Wissenschaft waren die Überlegungen von Bedeutung, die J. G. Herder (»Plastik«, 1778), Goethe (»Über einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil«, 1789), A. C. Quatremère de Quincy (»Considération sur les arts du dessin en France. ..«, 1791), die Brüder J. A. und J. E. Schlegel und S. und M. Boisserée anstellten. Gleichzeitig führte das historische Bewusstsein zur Sammlung der Kunstwerke in Museen, ein Vorgang, mit dem die Entwicklung der Kunstgeschichte in engstem Zusammenhang steht. War damit dem historischen Aspekt der Kunstgeschichte vorgearbeitet, so steuerte die nun entstandene philosophische Ästhetik I. Kants (»Kritik der Urtheilskraft«, 1790), F. W. J. Schellings (»Philosophie der Kunst«, »Vorlesungen über Ästhetik«, 1802/03), v. a. aber G. W. F. Hegels »Vorlesungen über die Ästhetik« (1835-38, 3 Bände) den systematischen Bestandteil bei. Hegels Unternehmen ist deshalb von modellhafter Bedeutung für die Kunstgeschichte, weil er die Entwicklung der Kunst am Begriff der Wahrheit des Geistes in der Geschichte messen lehrte. Ästhet. System und kunsthistorischer Prozess konvergieren. Damit lag ein einheitliches System der Geschichte der Kunst und ihrer Gattungen vor, das zugleich ihre ästhetische Bedeutung, d. h. den Charakter ihrer Wahrheit, beurteilen kann. Seitdem gingen Kunstgeschichte und Ästhetik meist getrennte Wege, abgesehen von einzelnen Näherungsversuchen, wie sie u. a. von M. Dessoir (»Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft«, 1906), zuletzt von K. Badt (»Eine Wissenschaftslehre der Kunstgeschichte«, 1971) unternommen wurden. Die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hauptsächlich in den Zentren Berlin und Wien. 1844 wurde in Berlin der erste Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingerichtet, den G. F. Waagen innehatte. Es wirkten dort ferner C. F. von Rumohr, F. Kugler und der Hegelianer K. Schnaase. R. Eitelberger von Edelberg ist einer der Gründer der Wiener Schule der Kunstgeschichte (bedeutsam seine Herausgabe der »Quellenschriften für Kunstgeschichte. ..«, 15 Bände, 1871-82). Ihm folgten u. a. A. Riegl, später M. Dvořák, J. von Schlosser und H. Sedlmayr. Aus dem 19. Jahrhundert ist noch die Methode zu erwähnen, die G. Morelli für die Zuschreibung von Bildern entwickelte, v. a. aber das Werk J. Burckhardts »Die Cultur der Renaissance in Italien« (1860), in dem er die Kunst im Zusammenhang mit Staat, Religion und Kultur untersuchte, und die Philosophie der Kunst, an der C. Fiedler (ab 1876) arbeitete. Er entwickelte in seiner Theorie der »reinen Sichtbarkeit« einen rationalen Begriff des Sehens, von dem her er auch den Inhalt der Kunst zu bestimmen suchte. Diese Auffassung von Autonomie und Formorientierung der Kunst lebt im Werk H. Wölfflins fort (»Kunstgeschichtliche Grundbegriffe«, 1915), das eine der klassischen Positionen der Kunstgeschichte markiert. Wölfflin verstand die Geschichte der Kunst als »Geschichte des Sehens«, die den Wandel der Anschauungsweisen (linear, malerisch usw.) und damit auch der Stile aufklären kann. Gegen diese Dominanz des Formbegriffs wenden sich die Überlegungen, die seit Dvořák, A. Warburg und E. Panofsky (Letzterer zum Teil in Anlehnung an E. Cassirers »Philosophie der symbolischen Formen«, 3 Bände, 1923-29) angestellt wurden und die sich um den Begriff des Symbols ranken. Hauptsächlich auf Warburg und Panofsky (»Studies on iconology«, 1939) geht die Entwicklung von Ikonographie und Ikonologie zurück, die bis Ende der 70er-Jahre wohl einflussreichste kunstgeschichtliche Methode, die besonders in den USA, vermittelt durch deutsche Emigranten, zur Weiterentwicklung des Fachs beigetragen hat. Daneben hat eine am Strukturbegriff orientierte Interpretation (besonders die »Strukturanalyse« Sedlmayrs) methodische Bedeutung. Das Spektrum der jüngeren Kunstgeschichte wird bereichert durch soziologisch orientierte Werke (A. Hauser, F. Antal, M. Warnke), psychologisch und philosophisch beeinflusste (E. Gombrich, K. Badt) und solche, die v. a. durch die individuelle Sehbegabung ihrer Autoren geprägt sind (T. J. Hetzer u. a.). Erwähnenswert sind ferner neue methodische Versuche zur Interpretation moderner und postmoderner Kunst (M. Imdahl; W. Hofmann; Charles Jencks, * 1939; Heinrich Klotz, * 1935). Die Kunstgeschichte der 80er-Jahre distanzierte sich von Panofskys Konzept der Ikonologie und bezog in wachsendem Maße sozialgeschichtliche Analysen in ihre Forschungen ein. Die heutige Kunstgeschichte ist gekennzeichnet durch die Problematisierung des Bild- und Kunstbegriffs und durch den Geltungsanspruch visueller Massenmedien, sodass in den USA die Kunstgeschichte in eine »Visual Culture« transformiert wird.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Ästhetik · Kunst · Künstler · Kunstwissenschaft
 
 
L. Coellen: Die Methode der K. (1924, Nachdr. 1979);
 H. Bauer: Kunsthistorik (21979);
 H. Dilly: K. als Institution (1979);
 W. von Löhneysen: Eine neue K. (1984);
 V. Burgin: The end of art theory. Criticism and postmodernity (Basingstoke 1986);
 
The new art history, hg. v. A. L. Rees u. a. (London 1986);
 O. Pächt: Methodisches zur kunsthistor. Praxis (21986);
 W. Waetzoldt: Dt. Kunsthistoriker, 2 Bde. (31986);
 
K. Eine Einf., hg. v. H. Belting (u. a. 31988);
 
K. - aber wie?, hg. v. der Fachschaft K. München (1989);
 G. Kauffmann: Die Entstehung der K. im 19. Jh. (1993);
 H. Belting: Das Ende der K. Eine Revision nach zehn Jahren (1995);
 H. Knobeloch: Subjektivität u. K. (1996);
 U. Kultermann: Gesch. der K. Der Weg einer Wiss. (Neuausg. 1996);
 
Klassiker der K., 10 Bde. (Neuausg. 1996).

Universal-Lexikon. 2012.

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